Leseprobe aus Aetherraunen !

Claudia Speer

Seelenrettung

Meine Schritte hallen auf dem Weg zum Wagen einsam über den Parkplatz des Kingdom. Der Nachtclub ist angesagt. Jeder, der mitreden will, muss sich hier sehen lassen. Ich finde die meisten meiner Kunden hier.

Nicht, was Sie denken. Ich habe einen ehrbaren Beruf. Fast ehrbar.
Der Wind bringt meine schwarzen Locken zum Tanzen. Auf dem unebenen Asphalt kräuselt sich eine große Pfütze genau vor der Tür meines Lamborghini Countach. Die Neon-Reklame vom Kingdom spiegelt sich darin. Ich drücke auf den elektronischen Schlüssel, und mein Flitzer hebt elegant seinen Flügel. Ich liebe seine kantigen Ecken. Weichgeschleckte Formen sind mir zuwider.

Zufrieden mit mir, hole ich meinen knallroten Lippenstift aus meiner Gucci und ziehe im Spiegelbild der Pfütze meine vollen Lippen nach. Meine kornblumenblauen Augen leuchten. Sie leuchten voller Erwartungen, die heute im ,Dom‘ nicht erfüllt worden sind. Weder geschäftlich noch privat. Ich bin anspruchsvoll, was meine Liebhaber betrifft.

Was auch immer Sie denken, ich bezahle sie in keiner Form. Ich bin keine Schlampe, die anderen etwas vormacht. Im Gegenteil. Eigentlich bin ich die ehrlichste Haut, die es auf der Welt gibt. Steinchen hüpfen in die Pfütze und verwandeln mein edles Gesicht in eine von Wellen verformte Maske. Ein Spiegelbild taucht neben mir auf und wird auch nicht klarer, als das Wasser sich beruhigt.

Kennen Sie das Gefühl, wenn sich die Härchen im Nacken aufrichten? Ich weiß, was mir da im Nacken sitzt. Eines der gefährlichsten Wesen der Nacht. Wenn Ihnen das passiert, sollten Sie auf keinen Fall eine hastige Bewegung machen oder gar die Flucht ergreifen. Betrachten Sie es als Schicksal und nehmen Sie es an, denn wenn Sie fliehen, wird es Sie jagen und in tausend Stücke reißen, bevor Sie sterben.

„Entschuldigen Sie, Signora Noire. Ich hatte gehofft, Sie hier zu finden. Mein Name ist Ario di Castello, und ich benötige Ihre Dienste.“
Ich entspanne meine Nackenmuskeln und drehe mich langsam um.

Er ist großgewachsen, wie die meisten seiner Art, sportlich schlank, trägt eine helle Hose, ein perfekt sitzendes hellbraunes Jackett, einen farblich abgestimmten Seidenschal und maßgeschneiderte Schuhe. Dem weichen italienischen Akzent nach habe ich einen schwarzhaarigen Mann erwartet und bin überrascht, kräftige rote Locken zu sehen. Seine Pupillen sind klein, als wäre es taghell und die braun-grüne Iris bestens zu sehen. Er ist kein Mussolini-Wolf, der zum Schutz des Duce kreiert wurde. Seine Zeit sind die gallischen Kriege. Ein Dekurio, das berittene Gegenstück zum Zenturio, vermutlich germanischer Herkunft, der das römische Bürgerrecht erhalten und sich bis in den Adelsstand hochgearbeitet hat, bevor das Schicksal ihn ereilte. Das Raubtier in ihm ist sprungbereit, aber das bin ich auch. Doch wenn er wirklich meine Dienste benötigt, muss ich mir keine Sorgen machen. Jedenfalls nicht gleich.

Ich reiche ihm meine perfekt manikürte Hand. „Und wie kann ich Ihnen helfen, Signor di Castello?“

Seine Pupillen weiten sich, als er meine Hand zu seinen Lippen führt. Sie öffnen sich, und ich könnte schwören, seine spitzen Eckzähne kratzen leicht über meinen Handrücken. Er nimmt Witterung auf.

„Es ist etwas ungemütlich hier auf dem Parkplatz. Lassen Sie uns an einen diskreteren Ort gehen.“ Er lächelt, ohne die Zähne zu zeigen.
Das sind die Männer, vor denen gute Mütter ihre braven Töchter schon immer gewarnt haben. Aber ich bin Cecilia Noire. Ich liebe das Abenteuer und die Gefahr. Außerdem ist es mein Wagen, und er fährt ja bei mir mit.

Ich öffne einladend die zweite Tür des Countach, streife das rote Cape und meine Highheels ab und laufe durch die Pfütze. Im Lamborghini werfe ich die Sachen in den Font.

Das Raubtier beobachtet mich und gleitet in der halben Zeit elegant in das Polster des Sitzes. Ich schließe die Türen, lasse den Motor an und fahre mit quietschenden Reifen vom Parkplatz. Castello schnallt sich nicht an. Warum auch, er ist fast unsterblich. Selbst wenn ich bei hoher Geschwindigkeit eine Vollbremsung machen würde und er tatsächlich unaufmerksam genug wäre durch die Frontscheibe zu rauschen, würde es keine zwei Sekunden dauern, bis er seine Zähne in mich geschlagen hätte.

Ein wütender Lykanthrop und eine kaputte Frontscheibe bei einem Sportwagen, der schon eine ganze Weile nicht mehr gebaut wird, sind das Letzte, was ich haben muss. Nein, ich bin neugierig. Zugegeben, das ist eine Eigenschaft, die mich schon mehr als einmal in meinem Leben in ernste Schwierigkeiten gebracht hat. Aber bisher hatte ich immer Glück. Sie glauben nicht daran? Ich schon, und zwar mehr als meinen Feinden lieb ist. 

Der Normanne, der Knappe und das verschenkte Schwert

1 – Sündige Verlockung

Allerheiligen Anno Domini 1197

Guy hörte das helle Klingen von Hämmern, die Meißel in Stein trieben. Schemenhaft tauchte die Stadtmauer von Etiningem vor ihnen auf. Das Tal lag an diesem kaltfeuchten Spätnachmittag im Nebel, der langsam die Hänge des angrenzenden Waldes hinaufstieg, als er und Jakob den Swarzwald hinter sich ließen. Jede Menge Furchen zerschnitten die Straße entlang des kleinen Flusses Alb. Ein Zeichen für eine umtriebige Stadt, der vom Kaiser vor wenigen Jahren Marktrechte gewährt worden waren. Auf den Türmen brannten Fackeln.

Der feine Niederschlag des Nebels sammelte sich auf den Mähnen der Pferde zu Perlen, die herabglitten und auf dem Boden zu kleinen Fontänen zersprangen. Kälte kroch in Guys Glieder und gab dem Schmerz seiner jüngsten Verletzungen Nahrung. Bald bist du nicht mehr nur ein mittelloser, sondern auch ein alter Ritter, dachte er bei sich. Selbst sein schwarzes Ross schlug missmutig mit dem Kopf. Hinter sich hörte er Jakob schimpfen. Guy zügelte den Hengst und wartete, bis sein Schreiberling zu ihm aufgeschlossen hatte. Der Junge saß wie ein Sandsack auf dem Braunen, während er das Packpferd mehr schlecht als recht am Strick hinter sich herzerrte. Reiten war nicht des Schreiberlings Stärke. »Hample nicht so herum. Du machst das Tier ja taub im Maul.«

Es kam wie es kommen musste, der Wallach, bepackt mit dem Wenigen, das Guy noch geblieben war, stemmte die Hufe in den weichen Grund und machte einen langen Hals, um möglichst wenig Zug im Maul zu bekommen.

»Ihr habt leicht reden. Sitzt da auf Eurem feinen Schlachtross und überlasst mir die Plackerei.« Jakobs Schenkel zappelte an der Flanke hin und her, weshalb das Pferd versuchte, auszuweichen. Dadurch bekam der Junge langsam aber sicher Schlagseite. »Nein! Nicht da lang, du Mistvieh.« Mit einem Aufschrei landete Jakob auf der Straße. Dummerweise steckte ein Fuß im Steigbügel fest, und während sein Reittier weiter vor Jakobs Gezeter und Hilferufen zurückwich, spannte es den Schreiberling gewissermaßen zwischen beiden Tieren auf, da der Junge die Zügel des Packpferdes nicht aufgeben wollte.

Das war nicht mit anzusehen. Guy ließ den Hengst rückwärts gehen und angelte sich die fallengelassenen Zügel des Reitpferdes. »Ruhig Brauner. Ich weiß, du würdest den Tölpel gerne zu Tode schleifen, aber ich brauche ihn noch.«

Er beugte sich hinab und befreite Jakob, der unsanft mit dem Hintern auf den Boden plumpste. »Au! Wie herzerfrischend besorgt Ihr um mich seid.« Jakob funkelte ihn wütend an, während er sich auf die Beine kämpfte. »Wirklich! Zuvorkommend, wie immer. Und das, nachdem ich Euch vor kurzem erst das Leben gerettet habe. Danke auch, Sir Gisborne.«

Guy wendete sich ab, denn er musste grinsen, wie meist, wenn sich Jakob zum Narren machte. Sein Schreiberling war im Recht. Ohne Jakobs Übersetzungskünste und dessen Mut, wäre ihr Abenteuer in Phorzein schlecht für Guy ausgegangen. Seine Hand strich über die Seite seiner Brust, die von Dornhalls Messer durchdrungen worden war. Aber er wollte Jakob nicht ermutigen noch aufmüpfiger zu werden als es schon der Fall war. Der Hengst tänzelte. Er wollte weiter, witterte das Ende des Ritts, eine Schütte Hafer und das duftende Heu eines trockenen Stalls. »Du bist ein Jammerlappen, Jakob.« Guy warf ihm die Zügel zu und lenkte seinen Schwarzen in Richtung Stadt. Er sehnte sich nach einem Becher ordentlichen Weins, wohlwissend, dass er derartiges in der Gegend selten finden konnte. Die Gerstensäfte waren mitunter genießbar. Er hatte sich schon fast daran gewöhnt. Sobald er jedoch eine brauchbare Sorte Wein entdeckte, kaufte er gleich mehrere Krüge ein. Jedenfalls bisher. Bedauerlicherweise war sein Vorrat an Silbermünzen zusammengeschrumpft. Außerdem mussten sie sich beeilen, wenn sie die Alpen vor dem ersten Schnee überqueren wollten. Guy rechnete sich gewisse Chancen aus, in der Lombardei unter den streitsüchtigen Stadtstaaten und Fürstentümern seine Geldreserven aufzufrischen.

Jakob kletterte auf den Pferderücken zurück. »Meint Ihr, Schwester Elisabetha und Sieglind werden in Frauenalb zurechtkommen?«

Daher wehte also der Wind. Die Grübelei war eine Nachwirkung des Kusses, den die Nonne seinem Schreiberling gegeben hatte. In Guys Augen eine billige Entlohnung, da Jakob sein Leben für ihre Tochter riskiert hatte. »Abt Sebastianus hat, so denke ich, ein wachsames Auge auf sie.«

»Ja, aber nicht jeder ist gescha en für ein solches Leben, Herr. Das habt Ihr selbst gesagt.« Jakob sprach wohl eher von sich selbst, denn er hatte dem Klosterleben, gegen den Willen seiner Familie entschlossen den Rücken gekehrt. Eine mutige Tat für einen Jungen, der sich bis vor kurzem für unfähig hielt, seine Fäuste einzusetzen. Ein Mut, der ihn schneller in Gottes Himmelreich befördern konnte, als ihnen beiden lieb war, solange er ohne Ausbildung blieb. Seit Phorzein lieb- äugelte Guy mit dem Gedanken, den Schreiberling als Knappen zu unterweisen.

»Ob dafür gescha en oder nicht, die beiden haben keine Wahl.« Er warf einen kurzen Blick in Jakobs Gesicht, der seine Unterlippe un- zufrieden nach vorne schob. Was für ein Kindskopf! Mit vierzehn galt man als Mann. Guy hätte in diesem Alter alles gegeben, um endlich von der Kette gelassen zu werden, doch sein weiser Vormund hatte ihn zurückgehalten. Zwei Jahre später durfte er endlich in seine erste Schlacht ziehen, um den Tod seiner Familie zu rächen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur sein Erbe konnte er dabei nicht zurückgewinnen. Er musste von vorne anfangen. Vor dem Ritterschlag und der Schlacht standen lange Jahre harter Übungen an allen Wa en. Abläufe mussten so lange wiederholt werden, bis man sie im Schlaf beherrsch- te, denn der Kopf verlor zu leicht den Überblick. Wehe dem, der im Kampf Mann gegen Mob an ng zu denken. Anders beim Kampf Mann gegen Mann. Da gehörten ein kühler Kopf und etwas Grips dazu. Jakob brachte möglicherweise alles mit – außer dem nötigen Selbstvertrauen.

Den Sohn eines Kaufmanns in seine Dienste zu nehmen, verstieß gegen die Regeln. Doch Guy pfiff auf Traditionen, die ihm keinen Nutzen brachten, und hielt sich an jene, die ihm sinnvoll erschienen. Ein König konnte besonders herausragende und mutige Kämpfer adeln. So hatte sich das Rittertum entwickelt. Der vererbbare Titel kam erst später. Jakob hatte das Zeug dazu. Er konnte aufsteigen. Doch es würde ein steiniger Weg werden.

Nicht nur für Jakob, auch für Guy, der seinem langen und bitteren Abstieg ein Ende setzen wollte. In Phorzein verpasste er seine bisher beste Chance nach seinem Scheitern im Sherwood Forest, nicht nur seine Verbannung aufzuheben, sondern auch seinen Besitz zurückzuerhalten. Er hatte sie sich wie Wasser durch die Finger rinnen lassen und stattdessen einem Kind das Leben gerettet. Warum hatte er nicht ein klein wenig an sich selbst gedacht? Was nutzte ihm ein Schulterklopfen, oder ein wohlmeinendes Nicken? Das Leben schenkte einem nur selten etwas. Und er hatte seine Chance weggeworfen. Der Gedanke machte ihn schwermütig. Würde er jemals wieder nach Hause kommen? Was blieb ihm noch, als in der Fremde auf einem Schlachtfeld zu sterben?

»Ich werde sie vermissen.« Jakob stieß einen Seufzer aus.

»Du solltest die beiden vergessen, Schreiberling. Damit ist allen am meisten gedient«, knurrte Guy griesgrämig.

Der Nebel wurde durchlässiger. Hinter der Stadtmauer stiegen die Rauchsäulen der Herdfeuer kaum über die strohgedeckten Dächer hinaus. Das Tor auf der anderen Seite einer Holzbrücke stand einladend offen. Guy kannte solche Konstruktionen. Die Brücke war mit wenigen Hammerschlägen zum Einsturz zu bringen und machte es etwaigen Angreifer schwerer, sich der Stadt zu bemächtigen.

Das Klappern der Hufe scheuchte einen krummbeinigen Mann mit grauem Bart und einem Spieß aus der Wachstube. »Halt! Was ist Euer Begehr?«

Guy gab Jakob einen Wink. Der Schreiberling rollte mit den Augen und übernahm das Sprechen. »Gott zum Gruß. Ritter Gisborne und meine Wenigkeit suchen Obdach auf dem Weg nach Süden. Meint Ihr, wir werden es schaffen die Berge vor dem Winter zu passieren?«

Der Mann zog Schleim den Rachen herauf und spuckte aus. »Seh ich aus als könnt ich hellsehen. Ritter Gisbert? Wo kommt er her, der feine Herr? Hat er das Kreuz genommen? Dann kommt er zu spät. Der Kaiser ist tot. Was man so hört, findet kein weiterer Kreuzzug statt. Wie auch? Der zweijährige Friedrich kann das Kreuz ja nicht tragen.« Der Wachmann fand sein Gerede witzig. Er legte beim Lachen den Kopf so weit in den Nacken, dass Guy die gelben Zähne zählen konnte.

Jakob übersetzte die lange Rede des Wächters in bemerkenswerter Kürze. »Er will wissen, wo wir herkommen, Herr, und hält uns für Kreuzritter.«

Wörter wie ,Kaiser‘ oder der Name von dessen Sohn Friedrich waren Guy vertraut. Genauso verstand er den Ausdruck ‚bewa nete Walfahrt‘ und ‚Heiliges Land‘, oder das überhebliche Getue. Es war nicht zu übersehen welches Selbstbewusstsein diese Städter entwickelten. »Hat der Tölpel mich gerade Gisbert genannt? Tsts, aber warum nicht? Nicht jeder Bauer muss wissen, was ich plane. Sag ihm, wir sind den Rhin entlang geritten.«

»Warum lügen? Wir suchen keinen Erben des Kaisers mehr.« Jakobs Missbilligung war deutlich zu hören.

Guy zuckte mit den Schultern. »Wir sind lediglich ein paar Meilen von Phorzein entfernt. Falls es einen weiteren Mann wie Dornhall gibt, ist es sicherer die Spur weiterhin zu verwischen.«

Jakob schnitt eine Grimasse. »Kein Mensch wird Euch mehr Glauben schenken, wenn Ihr selbst an Allerheiligen Lügen erzählt. Denkt Ihr nicht an die Höllenqualen, die Euch das bescheren wird?«

Eine Moralpredigt von seinem Schreiberling fehlte Guy gerade noch zu seiner schlechten Stimmung. Er hatte in Frauenalb schon die Kirche besucht und damit entschieden genug Zeit auf den Knien verbracht. »Was zur Hölle geht dich mein Seelenheil an? Frag sofort nach einer Unterkunft und zeig dich mir gegenüber respektvoller. Schließlich bist du mein Knappe!«

»Knappe?« Jakob machte große Augen. »Ich soll Euer Knappe sein? Das wäre, als würde man einem Schaf den Wolfspelz überziehen.«

Es war ausgesprochen. Vielleicht hätte Guy sich besser auf die Zunge beißen sollen, statt Jakob so früh auf seine Pläne zu stoßen. Er stemmte seine Füße in die Steigbügel und suchte sich eine bequemere Sitzhal- tung. »Jakob, frag nach der Unterkunft oder ich schneide dir deine gotteslästerliche Zunge heraus. Und hör auf, meine Anweisungen in Frage zu stellen.«

Der frisch gekürte Knappe schnaubte, erfüllte dann aber seine Pflicht und übernahm nach einer weitschweifigen Antwort des Torwächters die Führung. »Folgt mir!«, befahl er frech. Guy ließ ihn gewähren und tröstete sich mit dem Gedanken, dass er ihm bei späterer Gelegenheit dafür die Ohren langziehen würde. 

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