Übungen

  1. Aufgabe Das Ende zuerst!                                                             9.6.2020

Auf der Leipziger Buchmesse wurde eine Autorin für Liebesromane einmal gefragt, wie sie ihre Bücher konzipieren würde. Sie antwortete, dass sie sich zuerst das Ende ihres Romans vorstellen würde. Den Höhepunkt niederzuschreiben, brächte ihr erste Inspirationen für die Handlung und mit diesem Ziel vor Augen, ergebe sich der Rest von selbst. 

Das habe ich noch nie ausprobiert! Aber vielleicht macht es Sinn. Enden Liebesromane denn nicht immer gleich und tut sie es deshalb?

Also dachte ich mir, wir schreiben eine Kurzgeschichte zum Thema „Alte Liebe rostet nicht – oder doch?“ Die Länge der Geschichte ist jedem frei überlassen. Einzige Bedingung: Schreibe den Höhepunkt/das Ende zuerst. Genau den Moment, wenn sie sich kriegen oder alles zu Bruch geht. Danach zäumst du dieses Pferd von hinten auf, schmückst deine Charaktere aus, entwickelst den Konflikt und legst den Starpunkt fest. Wie du das machst ist dir überlassen.

Unten kommt mein Ende!

Liebe Grüße und viel Spaß

Claudia

1.

Das Ende zuerst

„Spring! Spring endlich, du blöde Kuh!“

Die Brücke ächzte. Die enormen Balken wanden sich unter dem Druck der Flut und splittern einer nach dem anderen.

Angesichts der Gefahr stach Angst aus ihren wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen. Sie duckte sich auf die Planken des immer schräger werdenden Stegs, krallte sich daran fest und starrte in das Tosen. Nach allem was er für sie getan hatte, zögerte sie noch immer Ihr Leben in seine Hände zu legen. Sie war so stolz, so darauf bedacht, niemandem mehr zu vertrauen, warum hatte er geglaubt, dass sie ihm auch nur ein Quäntchen Liebe entgegenbringen würde?

„Verdammt, Shila, ich weiß, dass du denkst, ich hätte dich hereingelegt. Aber selbst du Kratzbürste musst doch erkennen, dass ich dir helfen will. Bitte, du musst mir vertrauen! Du wirst draufgehen! Wir beide werden draufgehen!“

Die schäumende Gischt riss einen weiteren Pfeiler mit. Das Boot unter Seans Füßen schaukelte sich auf den Wellen auf und zerrte an der Schlinge, mit der er es an den Resten der Brücke gebunden hatte. Es schrappte über eine gebrochene Kante und faserte auf. Er musste sich an einen Balken klammern.

„Bitte! Ich kann mich nicht länger halten!“

Shila stieß einen heißeren Schrei aus und sprang in das Boot. Im gleichen Moment zerfetzte die Leine und die Nussschale schoss in die Mitte des Flusses hinaus. „Bleib unten!“ Sean packte das Paddel und mühte sich in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Die letzten Reste der Brücke ergaben sich den Fluten und steuerten auf sie zu. 

Shila lag flach auf dem Bauch. Das ewige anklagende Gemecker war ihr wohl vergangen. Sie blickte nicht einmal hoch und schlotterte am ganzen Leib. Dafür hatte er keine Zeit.

Sean stemmte das Paddel gegen ein Trümmerstück und schaffte es dadurch aus der Hauptströmung heraus. Sie mussten an Land. Der wilde Fluss hielt kaum einen Kilometer von hier Felsklüfte bereit. Das würden sie keinesfalls überstehen.

Das Ruderboot hüpfte und schlingerte, es bockte wie ein Rodeo-Pferd und wollte sie in die Strömung zurück reißen. Wie hatte er nur so dumm sein können, dieses Risiko einzugehen, wegen dieser vollkommen verrückten Frau?

Die Bucht! Seine letzte Chance an Land zu kommen. Die Gewalt des Wasser drückte ihn vom Ufer weg! 

„Sean! Sean!“ Cora tauchte am Ufer auf. Sie stand auf einem Felsen und schwang ein Lasso über dem Kopf. Das Seil surrte auf ihn zu. Er warf das Paddel beiseite und versuchte es zu fangen, aber es verfehlte ihn bei weitem und umschloss den Bug, wo es sich um den hochgezogenen Kielbalken spannte. Sean erkannte was sie plante und paddelte erneut wie ein Besessener.

Cora war vom Felsen gesprungen und band das Seil um den Sattelknauf, dann schwang sie sich auf ihren Hengst Swifter und preschte auf die alleinstehende Eiche zu. Das Boot war bereits an der Bucht vorbeigetrieben und er verlor Cora aus den Augen. Dann spannte sich das Seil und der Ruck warf ihn zu Shila, die angsterfüllt aufschrie, auf die mit einer handbreit Wasser bedeckten Planken. „Halt durch, Shila!“ Der Schock saß ihr im Nacken. Er wagte es trotzdem nicht, sie zu berühren. Das war bisher nie gut ausgegangen. 

Cora feuerte ihren Hengst mit heiseren Schreien an. Das Tier zog sie in die Bucht zurück. Langsam, vielleicht zu langsam, denn das Seil knirschte. Sean sprang erneut auf, paddelte mit letzter Kraft, bis der Rumpf über das Kiesbett schabte und sie endlich in Sicherheit waren. Er warf das Paddel überglücklich beiseite, hob nun doch gegen alle Befürchtungen Shila auf und brachte sie an Land. Cora war abgesprungen und rannte ihnen entgegen.

Sie fielen sich in die Arme, zerdrückten die unglücklich aussehende Shila fast zwischen sich! Endlich! Endlich bekam Sean die Küsse und Streicheleinheiten von Cora, die er sich so sehnlichst erträumt hatte.

„Du bist ein Held, Sean!“, jauchzte Cora, nahm ihm die nasse Katze ab und wickelte sie fürsorglich in eine Decke. „Du unartige Mieze!“, schimpfte Cora und brachte ihren Liebling schnell zum Pferd, schwang sich auf, wickelte das Seil los und galoppierte Richtung Hütte davon. 

Begossen wie ein Pudel sah Sean zu. „Cora!“, war alles was er noch herauspressen konnte. Oh, Mann! Er würde nie gegen dieses verwöhnte Vieh gewinnen. Frierend und frustriert watschelte er hinter den Beiden her. Aber wenigstens durfte er ab jetzt mit in die Hütte, oder etwa nicht?

Das ist mein Ende. Der Anfang muss jetzt erst noch entstehen. LG Claudia